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„Conscious Collection“ von H&M - Ohnmächtige Näherinnen machen Werbung für Existenzlöhne

Fake-Poster[25. März 2013]

Die von H&M lancierte Werbekampagne “Conscious Collection“ steht in krassem Gegensatz zur Arbeitsrealität in Asiens Textilfabriken. Allein in Kambodscha sind seit 2010 mehr als 2400 Näherinnen kollabiert, mehrere Hundert davon in H&M-Zulieferbetrieben. Die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) fordert deshalb vom Branchenleader die Zahlung von Existenzlöhnen. Wir rufen dazu auf, den öffentlichen Druck auf H&M und andere Modekonzerne zu erhöhen.

Was fordert die CCC?

Ein Existenzlohn kann nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Die CCC fordert daher von den Firmen ein stufenweises, aber konsequentes Vorgehen:

Kurzfristige Sofortmaßnahmen

1. Anhebung des Grundlohnes

    • Öffentliche Unterstützung der Lohnforderung der kambodschanischen Gewerkschaften von 150US$
    • Umsetzung dieser Lohnforderung bei den eigenen Lieferanten

2. Anhebung der Lohnzuschüsse

    • Zuschuss für Transport/Miete von heute 7 US$ auf 15 US$ monatlich
    • Anwesenheitsbonus von heute 10 US$ auf 12 US$ monatlich
    • Zusätzlicher Lohnzuschuss von 1.5 US$ pro Tag für Frühstück, Mittagessen und Abendessen

3. Lohnverhandlungen in Fabriken verbessern

    • Regelmäßiger Verhandlungsrhythmus zwischen Firmenvertretung. lokalem Management und Gewerkschaft/Arbeiter_innenvertretung etablieren
    • Gemeinsam mit Gewerkschaft/ArbeiterInnenvertretung eine Methode zur Erhebung der Lohnsituation und zur Umsetzung eines Existenzlohnes erarbeiten und umsetzen

Langfristige Maßnahmen

Für die Umsetzung eines Existenzlohnes braucht es einen Aktionsplan mit Maßnahmen-, Zeitplan und Meilensteinen. Firmen können die Forderung nach einem Existenzlohn unterstützen, indem sie folgende Schritte anpacken:

  • Verpflichtung zur Bezahlung eines Existenzlohnes an alle ArbeiterInnen in der Lieferkette klar im Verhaltenskodex festhalten
  • Sich aktiv für die Förderung und Respektierung von Gewerkschaftsfreiheit einsetzen
  • In Dialog treten mit der Asia Floor Wage Alliance und andern lokalen Gewerkschaften und NGO
  • Öffentlich die AFW-Lohnforderung als Richtgröße für die Höhe eines Existenzlohns unterstützen
  • Eigene Einkaufspraxis und Einkaufsvorschriften anpassen, damit ein AFW-Existenzlohn umgesetzt werden kann
  • In Zusammenarbeit mit der AFW Pilotprojekte zur Umsetzung eines AFW-Existenzlohnes starten
  • An Regierungen in Produktionsländern schreiben und sie dazu auffordern, den AFW-Existenzlohn als nationalen Mindestlohnstandard zu übernehmen
  • Öffentlich über die Bemühungen zur Umsetzung eines AFW-Existenzlohnes berichten
  • Im Verbund mit andern Firmen, Lieferanten, Gewerkschaften und NGO arbeiten

Weshalb Firmen keinen Existenzlohn bezahlen wollen:
die Top 10 der Ausreden

Ausrede Nr. 1:
Ein Existenzlohn ist nicht Firmenaufgabe, sondern Regierungsaufgabe

Natürlich sollte ein gesetzlicher Mindestlohn, der durch die Regierungen festgelegt wird, eigentlich auf einem Existenz sichernden Niveau sein.

Aber es gibt klare Gründe, weshalb das heute in der Textilindustrie nicht der Fall ist. Unter dem internationalen Wettbewerbsdruck sehen sich Regierungen gezwungen, ihre Lohnpolitik primär investorenfreundlich zu gestalten. Sie wissen nur zu gut, dass die Gefahr der Produktionsverlagerung ins billigere Ausland droht, falls die Löhne angehoben werden. Tiefe Löhne sind noch immer ein entscheidender Standortvorteil.

Multinationale Modekonzerne dominieren die Textilindustrie und sitzen am Verhandlungstisch am längeren Hebel, nicht die Regierungen der Produktionsländer. Modekonzerne stehen daher in der Pflicht, dass sie sich zu einem Existenzlohn bekennen und gegenüber den Regierungen klar machen, dass sie die Produktion nicht ins Ausland verlagern, falls der Lohn auf ein Existenz sichernden Niveau angehoben wird. Es ist zudem zentral, dass Modekonzerne die ganze Lieferkette berücksichtigen und mit anderen Modefirmen zusammenarbeiten, um global einen Existenzlohn umzusetzen.

Ausrede Nr. 2:
Es ist unmöglich einen Existenzlohn zu bezahlen, weil es keine allgemein anerkannte Berechnungsmethode für einen Existenzlohn gibt

Aus Sicht der ArbeiterInnen ist diese Ausrede besonders absurd. Es ist offensichtlich, dass die Löhne nicht zum Leben reichen, das bestreiten sogar viele Firmen nicht.

Weil sich aber die Business-Community nicht auf eine gemeinsame Messgrösse für einen Existenzlohn einigen kann, starten viele Firmen noch nicht einmal den Versuch, die Löhne nach oben zu korrigieren. Die Forderung nach einem Existenzlohn besteht schon lange, es gab aber kaum ernsthafte Versuche der Firmen, dieses drängende Problem anzupacken. Es ist nicht so, dass kein Konsens über eine Berechnung und Messgrösse eines Existenzlohnes möglich wäre – vielmehr fehlt der Wille der beteiligten Unternehmen, einen solchen Konsens zu finden.

Die Asia Floor Wage Alliance, ein Zusammenschluss von gut 80 asiatischen Gewerkschaften und NGOs, hat ein breit abgestütztes Berechnungsmodell und eine klare Lohnforderung für einen Existenzlohn aufgestellt. Die Lohnhöhe basiert auf konkreten Erhebungen der Lebenshaltungskosten von TextilarbeiterInnen und ihrer Familien in Asien. Das AFW-Existenzlohmodell wurde an zahlreichen Anlässen vorgestellt. Viele Firmen fanden diesen Ansatz interessant. Bisher gibt es jedoch kein Unternehmen, das den AFW-Existenzlohn als Messgrösse etabliert und auf deren Bezahlung hinarbeiten würde.

Ausrede Nr. 3:
Wenn die Löhne ansteigen verlieren die Produktionsländer ihre Wettbewerbsfähigkeit
Der Lohnkostenanteil für die Produktion macht nur gerade 1-3% des Endverkaufspreises aus. Selbst wenn der Lohn der NäherInnen also verdoppelt würde, wäre das nur ein kleiner Betrag für einen Modekonzern.

Markenfirmen müssen also endlich aufhören, tiefe Löhne als Standortvorteil zu sehen und Länder gegeneinander auszuspielen. Es ist nötig, in die Ausbildung, Infrastruktur und langfristige Zusammenarbeit mit Lieferanten zu investieren, so dass Produktivität, Verlässlichkeit oder vertikal integrierte Produktionsketten zu Standortvorteilen auf dem globalen Markt werden. Lohnerhöhungen führen in vielen Fällen zu direkten Qualitätssteigerungen. ArbeiterInnen wechseln weniger oft den Arbeitsplatz, sind weniger oft krank, sind motivierter, produktiver und erhöhen so die Wettbewerbsfähigkeit des Lieferanten.

Ausrede Nr. 4:
Unsere Firma schafft Arbeitsplätze – ohne unsere Aufträge hätten die Leute keine Arbeit und kein Einkommen
Für viele TextilarbeiterInnen ist es tatsächlich so, dass sie lieber in einer Fabrik arbeiten als sich andere Alternativen zu suchen.

Das macht sie aber auch besonders verletzlich und abhängig vom Arbeitsplatz. Die grosse Abhängigkeit darf kein Vorwand sein, um Menschen auszubeuten. ArbeiterInnen fertigen unter grossem Einsatz die Produkte für die Modeindustrie, erhalten aber nicht annähernd einen fairen Anteil am Erfolg der Konzerne. Natürlich wollen wir, dass die Millionen von TextilarbeiterInnen weiterhin einen Job haben – das reicht aber nicht, um den Menschen eine faire Entwicklungschance und ein Leben jenseits der Armut zu ermöglichen.

ArbeiterInnen weltweit sind heute einer grossen Willkür ausgesetzt. Ihnen werden Gewerkschaftsrechte verweigert, sie erhalten rotz unzähligen Überstunden nur Hungerlöhne, bekommen vielfach weder Mutterschaftsschutz noch eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Arbeit in den Kleiderfabriken und die Verweigerung eines Existenzlohnes sind verschleissend: schlechter Gesundheitszustand, Mangelernährung, Erschöpfung, zerbrochene Familienstrukturen. Gemäss der UNO-Menschenrechtserklärung (Artikel 23/3) hat jeder, der arbeitet „das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Ausrede Nr. 5:
Die Lebenshaltungskosten sind viel tiefer in den Produktionsländern, der Lohn muss daher nicht so hoch sein
Das Preisniveau ist nicht vergleichbar, das stimmt. Die heutigen Mindestlöhne in den Produktionsländern sind aber dermassen tief, dass sie auch in den Produktionsländern kein Leben in Würde ermöglichen. Viele ArbeiterInnen erhalten zudem nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn zugesichert.

Ein Existenzlohn sollte die Grundbedürfnisse wie Nahrung, sauberes Trinkwasser, Unterkunft, Kleider, Schule, medizinische Versorgung, Transportkosten decken. Darüber hinaus sollte ein frei verfügbares Einkommen bleiben, dass Sparrücklagen für grössere oder unvorhergesehene Ausgaben sichert. Wir sind im Einklang mit der Menschenrechtserklärung und ILO-Standards der Meinung, dass es jeder Arbeiterin und jedem Arbeiter zusteht, für eine Standardarbeitswoche von max. 48 Stunden soviel zu verdienen, dass der Alltag in Würde bestritten werden kann. Ein Existenzlohn bedeutet also bei weitem kein Luxuseinkommen. Ein gesetzlicher Mindestlohn hingegen bedeutet heute in den Textilproduktionsländern ein Leben in bitterer Armut.

Ausrede Nr. 6:
KonsumentInnen wollen nicht mehr bezahlen für ihre Kleider

KonsumentInnen haben sich zweifelsohne an sehr tiefe Preise gewöhnt. Der Lohnkostenanteil für die Produktion macht jedoch nur gerade 1-3% des Endverkaufspreises aus.

Für ein T-Shirt von 10 CHF erhalten die ArbeiterInnen in der Fabrik im Durchschnitt gerade mal 10-30 Rappen (an der Produktion eines T-Shirts sind viele Menschen beteiligt, die 10-30 Rappen beziehen sich daher nicht einmal auf den Lohn einer Einzelperson). Eine Verdoppelung der Lohnkosten in der Produktion führen nur zu marginalen Mehrkosten, die problemlos von den (vielfach) Millionen- oder Milliardengewinnen der Modeunternehmen getragen werden könnten. Selbst wenn die Mehrkosten direkt an die KonsumentInnen weitergegeben würden, wäre der Betrag so klein, dass er nicht ins Gewicht fällt.

Ausrede Nr. 7:
Wir halten in unserem Verhaltenskodex fest, dass wir einen fairen Lohn bezahlen
Ein Verhaltenskodex auf der Website führt noch nicht zu einem Existenzlohn in den Fabriken.

Zwar ist es wichtig, dass ein Unternehmen im Verhaltenskodex klar das Recht auf einen Existenzlohn für alle ArbeiterInnen verankert. Damit das kein leeres Versprechen bleibt, braucht es aber umfassende Umsetzungs- und Kontrollmassnahmen, die idealerweise im Verbund mit andern Firmen, Gewerkschaften und NGO angegangen werden. Es reicht zudem nicht, einen „fairen“ Lohn bezahlen zu wollen. Es ist nötig, dass Firmen sich öffentlich zum Recht auf einen Existenzlohn bekennen und transparent machen, an welcher Messgrösse sich die Firma orientiert, wie die Firma ein Existenzlohn berechnet, und wie diese Vorgabe umgesetzt wird.

Ausrede Nr. 8:
Wir können keine höheren Löhne bezahlen – die Wirtschaftskrise hat uns schwer getroffen
Obwohl wir anerkennen, dass die Wirtschaftskrise einen Einfluss auf das Wirtschaften von Modekonzernen haben kann, ist klar: Das Recht auf einen Existenzlohn ist keine optionale Investition oder ein zusätzliches CSR-Programm, das Firmen nur in guten Zeiten anpacken können.

Artikel 23 Absatz 3 der Menschenrechtserklärung hält fest: Jede/r, der/die arbeitet, hat das Recht „auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm/ihr und seiner/ihrer Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Firmen stehen, wie auch John Ruggie klar festhält, in der Pflicht, Menschenrechte zu achten. Ein Existenzlohn ist weder eine Gefälligkeit noch ein Privileg für Reiche, sondern eine Überlebensnotwendigkeit für alle, auch die ArbeiterInnen in den Kleiderfabriken.

Ausrede Nr. 9:
Wenn wir die Löhne erhöhen, locken wir besser qualifizierte Personen wie Krankenschwestern oder LehrerInnen an, die dann in den Fabriken arbeiten, wenn sie dort mehr verdienen als im Spital oder an der Schule. Das zertört das Bildungs- und Gesundheitssystem vor Ort.
Dieses Szenario ist auf den ersten Blick möglich, doch wird die Signalwirkung einer Lohnerhöhung im Textilsektor unterschätzt.

Wenn die Löhne in den Fabriken ansteigen, ist es wahrscheinlich, dass sich Regierungen im öffentlichen Sektor ebenfalls zu einer Lohnanpassung gezwungen sehen. Danke höheren Löhnen zirkulieren mehr Mittel in der lokalen Wirtschaft, somit werden weitere Investitionen ermöglicht. Ein Existenz sichernder Lohn verleiht den ArbeiterInnen die dringend benötigte Kaufkraft, was wiederum das lokale Geschäft ankurbelt und den Textilproduktionsländern helfen kann, sich aus der Armutsspirale zu bewegen. So wie der Profit heute in der globalen Textilindustrie verteilt ist, bringt die Industrie in den Produktionsländern nicht den erhofften Fortschritt, sondern zementiert Armut.

Ausrede Nr. 10:
Unsere Aktionäre sind nicht gewillt, einen Existenzlohn zu finanzieren
John Ruggie, UNO-Sonderbeauftragter, hält in den „Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte“ fest, dass Unternehmen verpflichtet sind, Menschenrechte zu respektieren.

Es braucht daher spätestens jetzt einen Paradigmenwechsel in der Firmenkultur. Es geht nicht an, dass Firmen und ihre Aktionäre auf Gewinnmaximierung aufbauen und gleichzeitig Menschenrechte missachten. Ein Existenzlohn ist ein menschenrechtliches Grundrecht – dieses steht allen zu, insbesondere jenen ArbeiterInnen, die Produkte herstellen und damit die Grundlage für Gewinneinnahmen von Modekonzernen liefern.

» die Pressemitteilung [PDF]

Quelle: Übersetzung aus dem Englischen von Schweizer CCC/ EvB: www.evb.ch/p20333.html

 

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